Zum Protest der „umgedrehten Gummistiefel“
Nicht ganz durchdacht erscheint die Begründung vom Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes, Jörg Schäfer, zum Protestsignal der umgedrehten Gummistiefel (Hersfelder Zeitung vom 29.03.23).
Einerseits wirbt er, wie auch wir Grünen, für eine regional orientierte Landwirtschaft. Andererseits solidarisiert er sich mit dem niederländischen System, das in hohem Grad und auf zweierlei Weise exportorientiert ist: Die hohe Dichte der Tierhaltung in den Niederlanden ist nur möglich, weil gerade Milchprodukte eben nicht nur für das eigene Land produziert, sondern weltweit exportiert werden. Als logische Konsequenz davon fällt ein Vielfaches von dem, was die eigenen Flächen verkraften, in den Niederlanden an Wirtschaftsdünger an. Auch dieser wird exportiert und bis hinein in unsere Region verteilt – mit entsprechenden Auswirkungen auf unsere Landschaften wie Stickstoffüberschuss und Verarmung der Grünlandarten.
Lieber Herr Schäfer, liebe Frau Schäfer, Kritik an den Strukturen der industriellen Landwirtschaft ist notwendig. Die Zusammenhänge zwischen zu dichtem Tierbesatz und den Auswirkungen auf Grund und Boden sind wissenschaftlich hinreichend belegt, und da spielt es auch keine Rolle, ob der Wissenschaftler vom Land oder aus der Stadt kommt.
Ebenso ist der Zusammenhang zwischen einer zu intensiven Landnutzung und dem Artensterben, auch dem Klimawandel nachgewiesen. Niemand gibt den Landwirten persönlich die Schuld daran! Doch muss es einen Wandel auch in der Landwirtschaft geben, um die negative Entwicklung zu stoppen.
Immer wieder berufen sich Landwirte auf die generationenlange Tradition ihrer Betriebe – zu Recht! Es wird dabei übersehen, dass heute in den allermeisten Betrieben völlig anders gewirtschaftet wird als noch zu Großvaters Zeiten. Dass dies aus wirtschaftlichen Zwängen heraus geschieht, will niemand bestreiten. Doch diese wirtschaftlichen Zwänge resultieren aus einer über Jahrzehnte verfehlten Agrarpolitik. „Wachse oder Weiche“ war und ist die Devise einer konservativen Landwirtschaftspolitik von CDU und FDP, die auch vom Deutschen Bauernverband unterstützt wurde. Das ist der Grund, warum so viele Milchviehhalter im Landkreis aufgeben mussten.
Wir Grüne setzten uns deshalb für eine bäuerliche Landwirtschaft mit vielen und vielfältigen Höfen und für die Erzeugung von regionalen Lebensmitteln ein.
Lassen Sie uns zu einem sachlichen Diskurs zurückkommen, es gibt genügend Probleme, gegen die Landwirte und Naturschützer gemeinsam angehen sollten: Der weiter um sich greifende Flächenfraß, die Übermacht der Nahrungsmittelkonzerne, die Kapital gesteuerte Bewirtschaftung… Es gibt viel gemeinsam zu tun!

