Februar 2016: Naturschutz und Windkraft – kein unlösbarer Konflikt
Positionen von BUND und NABU in der Diskussion

Naturschutz und Windkraft sind kein unlösbarer Gegensatz, wenn alle Kenntnisse über einen Standort in die Genehmigungsverfahren mit einfließen und eine Entscheidung im Zweifelsfall auch gegen die Windkraft fällt.
Das ist das Ergebnis einer angeregten Podiumsdiskussion des Grünen Kreisverbandes in Lispenhausen. Eingeladen waren neben den Grünen Spitzenkandidaten Kaya Kinkel (Kreistag) und Gerd Hartung (Bad Hersfeld) Jörg Bennedik für den BUND und Dieter Gothe für den NABU sowie Wolfgang Weber vom Regierungspräsidium, der die Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen im Landkreis durchführt. Aufgrund einer Erkrankung übermittelte Dieter Gothe seine Positionen schriftlich.
Wolfgang Weber machte deutlich, dass sich 2001 in den Genehmigungsabläufen vieles geändert habe und heute durchschnittlich 17 Behörden an einem Verfahren mitwirkten. Dem Naturschutz komme eine besondere Bedeutung zu.
Neben den Differenzen in der Beurteilung einzelner Windkraftstandorte wurden viele gemeinsame Zielsetzungen erkannt: Wichtig sei die Mitarbeit gerade der Naturschützer vor Ort im Genehmigungsprozess, die viel genauere Kenntnis über die Arten und Bestände einer Region haben als ein externer Gutachter. Hierdurch könnten viele Schutzmaßnahmen etabliert werden, die sonst unterblieben. Gemeinsam will man an der Einrichtung eines kreisweiten Landschaftspflegeverbandes arbeiten, der die schädlichen Auswirkungen konventioneller Landwirtschaft auf die Artenvielfalt verringern hilft. Denn der Rückgang vieler Arten ist auch durch die Art der landwirtschaftlichen Nutzung verursacht, die Landschaften ausräumt und Lebensräume zerstört.
Zitate Teilnehmer:
Wolfgang Weber: „Ich hasse es, wenn der Naturschutz als Deckmäntelchen für andere Interessen benutzt wird. Das schadet der Sache mehr als es nutzt. Was wir brauchen, sind qualifizierte Einwendungen und Beiträge mit genauen Hinweisen, die dann im Verfahren auch rechtskonform berücksichtigt werden. Dies kann bis hin zur Versagung der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung führen.“
„Eine übergeordnete allesumfassende naturschutzfachliche Untersuchung von Windvorranggebieten scheitert daran, dass hierfür die anlagenspezifischen Einzelheiten fehlen – konkrete Standorte, Anlagentyp, etc. – und sich die Gegebenheiten vor Ort schnell verändern können.
Auch wenn Untersuchungen vorliegen, ist im Einzelfall immer wieder neu zu untersuchen. Dies gilt in beide Richtungen: Auch wenn eine Anlage schon im Betrieb ist und sich z. B. ein Rotmilan ansiedelt, wird neu geprüft, ob eine Gefährdung vorliegt und entsprechend entschieden.“

Jörg Bennedik: „Klimaschutz ist Natur- und Menschenschutz. Wenn wir dem Klimawandel nichts entgegensetzen, werden in kürzester Zeit sehr viele Arten von der Erde verschwinden. Daher brauchen wir Windkraft als Baustein, um klimaschädliche Kohlekraftwerke ersetzen zu können.“
„In einem HNA-Bericht wurden 780 tote Großvögel genannt. Auch wenn die Zahl sich auf viele Jahre bezieht, ist das viel und es ist schade um jeden toten Vogel. Man muss dies allerdings im Verhältnis sehen zum Gesamtbestand, beim Rotmilan sind es in Brandenburg ca. 3 %, die durch Windkraftanlagen zu Tode kommen. Man muss in jedem Fall die Wechselwirkungen sehr genau und kritisch prüfen. Doch sind die Todesfälle durch den Verkehr und Stromleitungen noch um ein Vielfaches höher. Wenn wir es schaffen, Energie dezentral zu produzieren und zu verteilen, können wir einige der Stromtrassen sparen und dadurch wiederum die Todesopfer bei großen Vögeln verringern.“
„Wir können allein in Deutschland den Klimawandel nicht stoppen, aber wir haben als fünftgrößter CO2-Emittent eine Verantwortung in der Welt. Wir sind Technologieführer im Bereich Erneuerbare Energien und können dadurch den Schwellenländern helfen, dass dort die Fehler, die wir in den vergangenen Jahrhunderten gemacht haben, nicht wiederholt werden.“

Kaya Kinkel: „Das 2% Ziel bedeutet ja , dass auf 98% der Landesfläche keine WKA errichtet werden dürfen. Auch die verbleibende Fläche wird nicht vollständig bebaut werden können, weil Standorte durch zu hohe Umweltwirkungen oder geringe Wirtschaftlichkeit entfallen. D. h. es muss durch technologischen Fortschritt die Kapazität der verbleibenden Standorte erhöht werden, um die benötigte Strommenge zu erzeugen. Daneben müssen wir natürlich auch die Verbrauchsseite reduzieren, denn weniger Energieverbrauch bedeutet weniger Erzeugungsanlagen.“
„Gerade Nordhessen hat sehr gute Voraussetzungen, um seinen Energiebedarf aus der Region heraus abzudecken – mit einem Mix aus Wind, Sonne und Biomasse.“
„Die Gutachter tun gut daran, die Naturschutzgruppen vor Ort einzubinden, denn sonst passiert ihnen das gleiche wie aktuell am Standort Seulingswald: Da ist dies nicht geschehen und das Gutachten hat den Hotspot Rhäden nicht berücksichtigt – zum Schaden des Projektierers, der jetzt nachbessern muss!“

Gerd Hartung: „Der Flächenverlust im Wald, insbesondere durch die großen Kurvenradien auf den Transport- und Anfahrtswegen schmerzt. Auf Rot- und Schwarzwild haben die Anlagen, wenn sie errichtet sind, aber keine Vergrämungswirkung.“
„Die Energiewende muss bundesweit geplant werden. Es kann nicht sein, dass riesige Offshore-Anlagen gebaut werden, die ja auch Umweltauswirkungen auf die Meeresbewohner haben, und dann nicht ans Netz angeschlossen werden können.“
Eine Studie des Michael-Otto-Instituts im NABU beschreibt, wie auf Ackerflächen im Umfeld von Windkraftanlagen gewirtschaftet werden muss, damit Rotmilane nicht angelockt werden. Z. B. ist auf den Anbau von Feldfutter und anderen Kulturen, die bis Mitte Juli gemäht werden, zu verzichten. Auch die Brachflächen sollten erst nach Mitte Juli gemäht werden. Die Lagerung von Stalldung sollte in den Gefährdungsbereichen unterbleiben, ebenso wie die Errichtung von Kompostieranlagen.

